Sonntag, Februar 04, 2007

Zeitzeichen III

Wie ticken wir denn? Und wo tickt es?
Es gibt eine Art von Körperuhr, die in Billionen von einzelnen Stoffwechselprozessen besteht, die in jeder einzelnen Zelle stattfinden. Sie steuert unser körperliches uns psychisches Empfinden.
Die innere Zeit muss jedoch immer wieder korrigiert werden, da ein Körperuhr-Tag immer ein wenig länger dauert als 24 Stunden. Diese Korrektur findet über das Sonnenlicht statt, indem morgens und abends die innere jeweils nach- oder vorgestellt wird. Nun kommt es darauf an, um wie lang der eigene Rhythmus ist. Ist er sehr viel länger als 24 Stunden muss jeden Morgen die Körperzeit erheblich weit zurückgestellt werden, man ist vermutlich eher eine Nachteule. Diesen Prozess kann man beeinflussen, indem man sich z.B. morgens bewusst dem Sonnenlicht aussetzt, also bei unverdunkeltem Fenster schläft.

Die Körperzeit wird in unserem Leben fortwährend missachtet. Zeit wird regelmäßig gleichgesetzt mit den wenigen Milimetern, die ein Stäbchen aus Kunststoff an 60 Markierungen vorbeizieht. Oder mit dem Abstand zwischen dem Erscheinen von 10 verschiedenen Symbolen auf einem LED-Plättchen. Doch Zeit ist mehr, als die Uhr anzeigt. Es ist doch schon interessant, wie sehr wir uns unser Wohlergehen von einem kleinen Zeitmesser diktieren lassen. Und noch interessanter wird es, wenn wir uns überlegen, aus welchen Gründen wir den Rhythmus unserer Umgebung einfach übernehmen und nicht auf den eigenen beat hören...

Freitag, Januar 19, 2007

Zeitexperimente II

Die Ergebnisse von Siffres und anderer Forscher haben insgesamt ergeben, dass Menschen ohne zeitliche Orientierung durch die Sonne oder durch Uhren eine sehr präzise innere Uhr haben, die auf einige Jahrzehnte gerechnet höchstens einige Minuten nachgeht.
Der Witz bei dieser inneren Uhr ist jedoch, dass sie kein Ziffernblatt hat, das der menschliche Geist ablesen könnte. Im Bewusstsein des Menschen herrscht eine andere Zeit vor, die sehr abhängig ist von der eigenen Gefühlslage, von Erlebnissen, der Erinnerung und von den äußeren Anhaltspunkten. Dieses Zeitgefühl behält uns jedoch das Gespür für die Dauer von Stunden, Minuten und Sekunden vor. Sie scheinen für die menschliche Natur unwesentlich zu sein. Doch was bedeutet das für unser Leben in einer Welt, in der alles auf die Sekunde ankommt? Wir brauchen, um in ihr klarzukommen Hilfsmittel, wie Uhren usw. Diese Hilfsmittel besitzen jedoch eine unnachgiebige Genauigkeit, die unserem Wesen nicht entspricht. Wir ticken eigentlich anders...

(Quelle: Klein, 2006, 19-30)

Dienstag, Januar 16, 2007

Zeitexperimente


Ein Herr namens Michel Siffre hat sich 1962 für fast zwei Monate in eine dunkle Höhle einschließen lassen und gab nur über ein Feldtelefon an, wann er wach war, wann er schlafen ging.
Dabei ist das Abgefahrene, dass er nach einer gewissen Zeit der Gewöhnung einen Rhtyhmus von Wachen und Schlafen entwickelte, der konstant 24 1/2 Stunden dauerte, jedoch von ihm selber nicht als rhythmisch wahrgenommen wurde. Er war total verwirrt und ihm fehlten nach seiner Zeit in der Höhle einige Tage in seiner Erinnerung, nicht, weil er sie nicht erlebt hatte, sondern weil er eine andere Art von Einteilung hatte, nämlich 24 1/2 statt 24 Stunden.

Was lernen wir daraus? Der Mensch hat einen Rhythmus innerhalb seiner eigenen körperlichen Gegebenheiten, der ihm selbst unzugänglich und auch unabhängig vom eigenen Zeitgefühl ist. Dennoch regelt dieser innere Uhr das eigene Wachen und Schlafen.

Samstag, Januar 13, 2007

Das ist er wieder!

Ja, er lebt noch!
Nach einigen Wochen der Examensendphase und der Examenserholung und der Examenserholungsendphase bin ich nun wieder halbwegs frei, mal über andere Dinge nachzudenken.
Und da denke ich, dass ich mal darüber nachdenken sollte, worüber ich denn nachdenken will...
Oder kann ich mir das gar nicht aussuchen? Ich denke schon.
Zur Zeit denke ich viel nach über die Zeit und die Zeit, die ich damit zubringe, über die Zeit nachzudenken und ich denke darüber nach, wie die Zeit vergeht, während ich über die Zeit nachdenke und warum die Zeit manchmal dahinfliegt und manchmal recht lang dauert.
Ganz praktisch bin ich in der "zweiten Hälfte" angelangt. Es ist die zweite Hälfte eines Urlaubs und diese Hälfte pflegt immer wie ein Pferd auf Speed dahinzugaloppieren. Und schließlich "erreicht er den Hof mit Mühe und Not, und in seinen Armen das Pferd war tot." Und die Zeit ist totgeschlagen. Doch hier kommt die große Frage: Wer erschlägt die Zeit? Meine wertvolle und geliebte Zeit, wer knüppelt sie nieder; und dazu noch so, dass ich nichts davon mitbekomme?
Zu diesem Thema empfehle ich auf jeden Fall das Buch von Stefan Klein mit dem Titel "Zeit". Ich werde in der nächsten Zeit einige für mich interessante Beobachtungen und Informationen zusammentragen, um den Zeitmördern auf die Spur zu kommen.

Donnerstag, Oktober 05, 2006

John Locke und der Rest vom Fest

Der John der John der Lock, Lock, Lock,
der hat auf Denken Bock, Bock, Bock,
drum schreibt er sich ein Buch, Buch, Buch,
das macht ihn selber kluch, kluch, kluch!

Und andere Menschen anscheinend ein wenig nervös...

Der Herr Lock(e) stellt auf jeden Fall interessante Fragen und vor allem solche, die ich mir noch nicht gestellt habe. Am krassesten ist dies Erlebnis:
Ich habe noch nie darüber nachgedacht, wie man denn über einen Gedanken nachdenkt. Wie funktioniert das denn so wirklich? Wie fühlt sich das an? Und was sehe oder fühle ich, wenn ich einen Gedanken denke?
Kann man unbewusst denken? Nach Locke kann man das nicht, weil das dann nicht denken heißen darf. Aber wie bewusst bin ich mir eigentlich beim Denken? Vollzieht sich das nach einer fest gefügten Abfolge? Und sehe ich Bilder? Oder Wörter? Oder höre ich mich innerlich reden? Kann ich auch ohne Worte denken?
AbG.Fahren. Vor allem, dass ich nun seit 6 Jahren Philosophie studiere und noch nie darüber nachgedacht habe, wie ich denn denke...

Obwohl doch, einmal, da habe ich darüber nachgedacht, ob es Dinge geben kann, die ich nicht denken kann. Gewisse Menschen mögen sich dran erinnern...

Samstag, September 30, 2006

Dionysius - Himmlische Hierarchien

Dionysius hat einige Werke verfasst. Auf seine kleinen Betrügereien war ich ja neulich schon eingegangen. Was bleibt, ist die Frage, warum jemand, für den Wahrheit das höchste Gut ist, solche Dinge tut, wie andere über seine Identität dermaßen zu täuschen. Hans Urs von Balthasar ist der Meinung, dass der Dionysius gar nicht anders konnte, weil das, was er zu sagen hatte, so bedeutend war. Und nebenbei war es damals gar nicht so unüblich, sich der Namen großer Menschen zu bedienen, um das eigene Geschreibsel irgendwie einzuordnen oder im Wert zu steigern oder ihm Aufmerksamkeit zuzuführen.

Aber worum es nun gehen soll, das ist das hierarchische Denken des Dionysius. Da denkt man vielleicht zuerst: Hierarchie, das hört sich alt und bevormundend an. Das Wort selber heißt für den Dionysius jedoch sehr viel mehr, als nur: "Bevormundung von Menschen, die sich nicht wehren können, weil wir es ihnen beigebracht haben."
"Hierarchie" heißt für Dionysius "die Gesamtbezeichnung für alle vorhandenen Akte (und Erkenntnisvorgänge), die allgemeinste Zusammenfassung der geheiligten Akte in dieser oder jener speziellen Hierarchie." (S. 97)
Hierarchie ist dabei jedoch kein auf Menschenkram begrenzter Begriff. Jede Manifestation Gottes in der Welt ist für Dionysius Hierarchie, heilige Ordnung. Ein Beispiel für so eine Hierarchie ist die Beschreibung des himmlischen Gottesdienstes in der Offenbarung. Dabei gibt es einige Engel, die näher bei Gott stehen und einige, die weiter weg sind. Die, die näher stehen, geben denen weiter weg weiter, was sie von Gott sehen. Es ist so eine Art von Kette.
Das trifft z.B. auch auf das Leben Jesu auf der Erde zu. Er sieht, was der Vater tut und sagt es weiter. Genause gilt das für alle Engel, die den Menschen Botschaften weitergeben, z.B. als Maria schwanger wird von Gott (!) oder Josef gesagt bekommt, dass er Vater wird oder nach Ägypten gehen soll oder als die Hirten auf dem Feld gesagt bekommen, dass es jetzt Frieden gibt. Immer gibt es eine Folge, bei der die Höheren den Niedrigeren mitteilen, was sie von Gott erfahren haben.
Für Dionysius spiegelt sich diese Ordnung in der Kirchenordnung wieder und drückt die Unnahbarkeit und Unerkennbarkeit Gottes aus. Wer sich taufen lässt, geht zuerst zu seinem Taufpaten und sagt zu dem: "Ich will mich taufen lassen. Willst du mich zur Taufe führen?" Derjenige hadert dann vermutlich einige Zeit, doch dann wird er zum Führer, zum Taufpaten.
Zusammengefasst geht es beim Evangelium immer um Vermittlungsakte, wo jemand vermittelt bekommt, wie er Gott verstehen und erkennen kann. Dabei ist jedoch immer klar: Es muss Dir vermittelt werden, weil direkte Erkenntnis Gottes unmöglich ist.
Z.B. sagt Dionysius, dass jeder, der Gottes Stimme gehört oder eine Vision gesehen hat, niemals Gott selbst gesehen oder gehört hat, weil Gott selbst unerkennbar ist. So ist jedes Reden von Gott, jedes Hören und Sehen immer nur ein Vermittlungsakt. So, das ist die Meinung von Dionysius, will Gott sich der Welt bekannt machen und die Welt retten. Durch Hierarchien, heilige Ordnungen, in denen der Mensch Stück für Stück mehr von Gott vermittelt bekommt. Durch die Taufe, die Eucharistie (Das Abendmahl) oder höhere Weihen, wie die Priesterweihe oder die Bischofsweihe.
Nun kann man sagen: Hört sich alles sehr katholisch an. Wenn man nun aber bedenkt, dass es die katholische Kirche noch nicht gibt, zumindest nicht in der Abgrenzung zur Evangelischen, dann will einfach ein Typ klar machen, dass man Gott nicht in ein Schema pressen kann. Das einzige Schema heißt "Hierarchie", und das presst nicht Gott in eine Form, sondern ermöglicht dem Menschen, sich Gott zu nähern, immer unter dem Vorbehalt, dass man ihn nicht wirklich erfassen kann. Es geht immer um Vermittlungsakte, die durch die Benennung als "Hierarchie" in ihrer besonderen Art gewürdigt und erkannt werden.
Das finde ich angemessener, dem Vermittlungsakt eine eigene Existenz zuzusprechen, als so zu tun, als wäre es egal, WIE Gott vermittelt wird, oder als könnte man Gott vermitteln. Die Hierarchien des Dionysus sagen immer aus: Gott muss irgendwie weiterbeschrieben und -erzählt werden, doch was da gesagt und erzählt wird, das ist nicht Gott selbst, sondern immer nur eine Erzählung über ihn.h

Mittwoch, September 27, 2006

Dionysius sieht das Unsichtbare



Im Folgenden wird es eine kleine Reihe über Dionysius Areopagita geben, der der "Vater der abendländischen Mystik" genannt wird.
Er wird auch gerne Pseudo-Dionysius genannt, weil er sich für den Dionysius ausgegeben hat, der von Paulus durch seine Areopagrede aus der Apostelgeschichte bekehrt wurde. Und er hatte viel zu tun mit Menschen, die auch in der Bibel vorkommen. Ein Werk widmet er Timotheus und einen Breif schreibt er an Johannes. Und, ja wie soll man sagen, er war vermutlich eher ein Mönch im 5. Jh. aus Syrien, also ist es eher unwahrscheinlich, dass er einer war, der schon in der Apostelgeschichte erwähnt wird.


Als der Schwindel aufflog hat man sich schnurstracks von ihm abgewandt und er ist als großer Fälscher in die Geschichte eingegangen. Er ist quasi der Kujau des Frühmittelalters.
(Man s
iehe nur die Ähnlichkeit in Haltung und Ausdruck...)
Aber er hat noch soviel mehr zu bieten, als nur eine äußerst geschickte Täuschungsaktion (die darüberhinaus dafür gesorgt hat, dass heute wirklich keiner weiß, wer denn die Texte wirklich verfasst hat. Das haben nicht viele geschafft.)


Der Einfluss dieses Dionysius auf die geistesgeschichte ist oft mit dem von Augustinus verglichen worden. Er war also einer der ganz großen. Und abgefahrener Weise ist er nach der Entdeckung seines Etikettenschwindels gänzlich in der Versenkung verschwunden. Ich glaube die Forscherschaft war einfach nur sehr sehr beleidigt, so kräftig verarscht worden zu sein.
Aber das nur im Vorhinein, um zu erklären, warum Dionysius gleichzeitig so unflussreich und so unbekannt zugleich ist.

Am Bekanntesten wurde Dionysius für seine negative Theologie." Negativ" meint in diesem Zusammenhang jedoch nicht, dass er irgendwie depressive Frömmelei betrieben hätte. Im Gegenteil: Er war ein Mann der Freude und des Feierns. "Negativ" war seine Theologie, weil er darauf bestand, möglichst zutreffend und angemessen von Gott zu reden. Das ist nun auch nicht negativ, zutreffend von Gott zu sprechen. Wenn man jedoch der Meinung ist, dass man zutreffend von Gott sprechen kann, dann hätte Dionysius gesagt: Können wir nicht. Und darum hat er peinlichst darauf geachtet, alles, was er über Gott sagt so einzuschränken, dass niemand denkt, er würde nun wirklich mit seinen Worten Gott beschreiben können.

Da könnte man sich nun mal denken, was dabei herauskam: Das Schweigen im Walde. "Gott ist ____________________kann ich nicht sagen__________..."
Nein, sondern eine Sprache, die noch heute für Sprachbegeisterte umhauend ist. Dionysius hat zuerst durchaus positive Aussagen über Gott gemacht. Dann hat er jedoch versucht, diese so weiterzuführen, dass eben klar wird: Wenn ich was über Gott sagen müsste (und das muss ich), dann würde ich es so sagen, aber eigentlich trifft das nicht im Mindesten das, was Gott selbst ist.

Das sieht dann in der Umsetzung, z.B. in einem Gebet so aus:

"DREIFALTIGKEIT,
überwesenhaft
und übergöttlich
und übergut,
Bewahrerin der Gottesweisheit der Christen,
führe uns auf den
überunerkennbaren
und überhellen
und höchsten
Gipfel der mystischen Worte.
Dort sind verborgen
die einfachen
und unverhüllten
und unwandelbaren
Geheimnisse der Gotteswissenschaft;
- gemäß dem überlichten Dunkel des Schweigens,
das in seiner äußersten Finsternis
das Überhellste überstrahlt
und im ganz und gar Unfassbaren
und Unüberschaubaren
die augenlosen Geister übererfüllt,
mehr als der überschönste Glanz.
DAS SEI MEIN GEBET!"

(Aus der "Theologie Mystica", übersetzt von J. Sudbrack in: ders.: "Trunken vom hell-lichten Dunkel des Absoluten", Einsiedeln/Freiburg 2001)

Mensch Mensch, das sind unglaubliche Wortgirlanden.
Eine Möglichkeit besteht für Dionysius darin, bestehende Bilder zu benutzen, um in ihnen Gott besser zu erkennen. Die für ihn weitaus bessere Möglichkeit besteht darin, eigene neue Bilder zu suchen und sich Gott so konstruktiv zu nähern. Ihm selbst näher zu kommen, indem man nach Bildern und Worten sucht, die man dann zurücklassen kann.
Sehr faszinierend und durchaus fruchtbare für unsere Zeit!