Dionysius hat einige Werke verfasst. Auf seine kleinen Betrügereien war ich ja neulich schon eingegangen. Was bleibt, ist die Frage, warum jemand, für den Wahrheit das höchste Gut ist, solche Dinge tut, wie andere über seine Identität dermaßen zu täuschen. Hans Urs von Balthasar ist der Meinung, dass der Dionysius gar nicht anders konnte, weil das, was er zu sagen hatte, so bedeutend war. Und nebenbei war es damals gar nicht so unüblich, sich der Namen großer Menschen zu bedienen, um das eigene Geschreibsel irgendwie einzuordnen oder im Wert zu steigern oder ihm Aufmerksamkeit zuzuführen.
Aber worum es nun gehen soll, das ist das hierarchische Denken des Dionysius. Da denkt man vielleicht zuerst: Hierarchie, das hört sich alt und bevormundend an. Das Wort selber heißt für den Dionysius jedoch sehr viel mehr, als nur: "Bevormundung von Menschen, die sich nicht wehren können, weil wir es ihnen beigebracht haben."
"Hierarchie" heißt für Dionysius "die Gesamtbezeichnung für alle vorhandenen Akte (und Erkenntnisvorgänge), die allgemeinste Zusammenfassung der geheiligten Akte in dieser oder jener speziellen Hierarchie." (S. 97)
Hierarchie ist dabei jedoch kein auf Menschenkram begrenzter Begriff. Jede Manifestation Gottes in der Welt ist für Dionysius Hierarchie, heilige Ordnung. Ein Beispiel für so eine Hierarchie ist die Beschreibung des himmlischen Gottesdienstes in der Offenbarung. Dabei gibt es einige Engel, die näher bei Gott stehen und einige, die weiter weg sind. Die, die näher stehen, geben denen weiter weg weiter, was sie von Gott sehen. Es ist so eine Art von Kette.
Das trifft z.B. auch auf das Leben Jesu auf der Erde zu. Er sieht, was der Vater tut und sagt es weiter. Genause gilt das für alle Engel, die den Menschen Botschaften weitergeben, z.B. als Maria schwanger wird von Gott (!) oder Josef gesagt bekommt, dass er Vater wird oder nach Ägypten gehen soll oder als die Hirten auf dem Feld gesagt bekommen, dass es jetzt Frieden gibt. Immer gibt es eine Folge, bei der die Höheren den Niedrigeren mitteilen, was sie von Gott erfahren haben.
Für Dionysius spiegelt sich diese Ordnung in der Kirchenordnung wieder und drückt die Unnahbarkeit und Unerkennbarkeit Gottes aus. Wer sich taufen lässt, geht zuerst zu seinem Taufpaten und sagt zu dem: "Ich will mich taufen lassen. Willst du mich zur Taufe führen?" Derjenige hadert dann vermutlich einige Zeit, doch dann wird er zum Führer, zum Taufpaten.
Zusammengefasst geht es beim Evangelium immer um Vermittlungsakte, wo jemand vermittelt bekommt, wie er Gott verstehen und erkennen kann. Dabei ist jedoch immer klar: Es muss Dir vermittelt werden, weil direkte Erkenntnis Gottes unmöglich ist.
Z.B. sagt Dionysius, dass jeder, der Gottes Stimme gehört oder eine Vision gesehen hat, niemals Gott selbst gesehen oder gehört hat, weil Gott selbst unerkennbar ist. So ist jedes Reden von Gott, jedes Hören und Sehen immer nur ein Vermittlungsakt. So, das ist die Meinung von Dionysius, will Gott sich der Welt bekannt machen und die Welt retten. Durch Hierarchien, heilige Ordnungen, in denen der Mensch Stück für Stück mehr von Gott vermittelt bekommt. Durch die Taufe, die Eucharistie (Das Abendmahl) oder höhere Weihen, wie die Priesterweihe oder die Bischofsweihe.
Nun kann man sagen: Hört sich alles sehr katholisch an. Wenn man nun aber bedenkt, dass es die katholische Kirche noch nicht gibt, zumindest nicht in der Abgrenzung zur Evangelischen, dann will einfach ein Typ klar machen, dass man Gott nicht in ein Schema pressen kann. Das einzige Schema heißt "Hierarchie", und das presst nicht Gott in eine Form, sondern ermöglicht dem Menschen, sich Gott zu nähern, immer unter dem Vorbehalt, dass man ihn nicht wirklich erfassen kann. Es geht immer um Vermittlungsakte, die durch die Benennung als "Hierarchie" in ihrer besonderen Art gewürdigt und erkannt werden.
Das finde ich angemessener, dem Vermittlungsakt eine eigene Existenz zuzusprechen, als so zu tun, als wäre es egal, WIE Gott vermittelt wird, oder als könnte man Gott vermitteln. Die Hierarchien des Dionysus sagen immer aus: Gott muss irgendwie weiterbeschrieben und -erzählt werden, doch was da gesagt und erzählt wird, das ist nicht Gott selbst, sondern immer nur eine Erzählung über ihn.h